architektur.aktuell 10/2025
Die Architekt_innen von Herzog & de Meuron sprechen im Zusammenhang mit ihrer Planung für das Kinderspital Zürich von einem Healing Environment. Das Healing Environment, das sich in seinen ersten Forschungsansätzen in das 19. Jahrhundert zurückdatieren lässt, umfasst verschiedene Implikationen und steuert die Verschränkung medizinischer und architektonischer Expertise an. Architektur kann den Aufenthalt der kleinen Patient_innen und ihrer Eltern atmosphärisch gestalten. Sie kann Heilung fördern, sagt der Architekt Jaques Herzog.
Das Kispi im Gesundheitscluster
Das Kinderspital von Herzog & de Meuron schloss sich in Zürich mit sieben weiteren medizinischen Einrichtungen zum Gesundheitscluster Lengg zusammen. Die Architekt_innen von Herzog & de Meuron gewannen 2012 den Wettbewerb für das Akutspital und das dazugehörige Zentrum für Forschung und Lehre des Universitätskinderspitals Zürich, die sie, zwischen 2014 und 2024, in zwei verschiedenen Gebäudekubaturen realisierten. Das Kispi ist ein sich in die Horizontale ausdehnender, flächiger Betonskelettbau mit Holzfassade. Das Forschungszentrum ist eine abstrakte geometrische Zylinderform, die sich in Betonringen in die Vertikale streckt, unterbrochen durch Terrassen und zurückliegende Glasflächen. Beide Gebäude entstanden zwar im Zuge derselben Beauftragung, sprechen jedoch eine voneinander verschiedene Architektursprache. In dem medizinischen Ensemble des Gesundheitsclusters Lengg, das mit dem Kispi eines der modernsten Kinderkrankenhäuser der Welt initiiert, stehen sie unabhängig zueinander, als Solitäre.
Architekturorganisation in zwei Layern
Das Kispi ist flächig. Es dehnt sich in seiner Länge über 300 Meter aus und erstreckt sich über drei oberirdische und zwei unterirdische Geschosse. Seine Längsseiten sind konkav gebogen und verleihen so dem quadratischen Gebäudegrundriss eine Geste des Einladens. Entlang seiner Fassade reihen sich im obersten Geschoss die Zimmer der kleinen Patient_innen. Verschieden geneigte Pultdächer lassen sie mit kleinen Häusern assoziieren.
Durch eine gedrungene Eingangspassage hindurch erschließt sich das Gebäude in einen lichternen Innenhof. Über diesen Innenhof werden die Patient_innen, ihre Eltern und Besucher_innen in der zentralen Eingangshalle in Empfang genommen. Von hier erstreckt sich die Hauptverkehrsachse, entlang welcher die Organisation und Orientierung im Funktionsapparat Akutspital erfolgt, über die gesamte Gebäudelänge. Ihr sind die Innenhöfe und die medizinischen Fachbereiche in Quartieren angegliedert. Im Erdgeschoss erschließt die Hauptachse die Bereiche Cafeteria, Tagesklinik, Polyklinik und Bilddiagnostik, bis hin zur Notfallstation. Auch die Bereiche besonderer Pietät, die Neonatologie, die Intensivpflegestation und der Operationsbereich, liegen im Erdgeschoss. Sie sind zwar entlang der Achse orientiert, werden aber innerhalb ihrer eigenen Quartiersstruktur erschlossen. Medizinischer und besuchender Personenverkehr tangieren einander deswegen bloß bedingt und passieren parallel.
Die medizinischen Behandlungen des Akutspitals verlangen nach hoher Präzision. So sind die Abläufe der fast 2.600 Mitarbeitenden streng koordiniert. Das sich in der Fläche ausdehnende Gebäude nimmt deswegen Shortcuts über Treppen und Aufzüge, und organisiert die Erschließung vom jeweiligen Quartier in die Vertikale. Im ersten Obergeschoss folgen auf den medizinischen Fachbereich die entsprechenden Büro- und Behandlungszimmer, im zweiten dann die Patient_innenzimmer.
Herzog & de Meuron und die Erforschung des Healing Environments
Die architektonische Absichtserklärung des Healing Environment scheint durch die Architekt_innen von Herzog & de Meuron erforscht und definiert. Die Basis des Healing Environment, die medizinisch, funktionale Organisationsstruktur, wird überlagert von einem zweiten Layer, der das atmosphärische Wohlbefinden der Patient_innen adressiert. Besucher_innen, Licht, Luft, Kunst und der Außenraum werden in das Gebäudeinnere eingeladen. Die Materialität ist funktional und höchsten medizinischen Standards entsprechend und dabei naturbelassen, warm und den menschlichen Sinnen nach orientiert. Diese beiden Layer stehen in Verschränkung zueinander, zwischen medizinischer und architektonischer Expertise. Der erste Layer ist funktional. Der zweite Layer, ist kindgerecht und wurde für das Kispi Zürich entsprechend der Bedürfniswelt seiner kleinen Patient_innen entworfen. Das Akutspital, in seinem Wesen ein medizinischer Apparat, bleibt leserlich erhalten und wird trotz seiner Verschränkung mit dem zweiten, atmosphärisch gestaltenden Layer, nicht verschleiert. „In Zusammenarbeit mit vielen anderen Spezialisten durften wir die Eleonorenstiftung auf allen Ebenen des Projekts begleiten und beraten – vom Städtebau über Architektur und Vegetation über die Materialien bis hin zur medizinischen Ausstattung und Möblierung. So entstand ein ganzheitlich gedachtes, funktionales, ruhiges und trotzdem vielfältiges Gebäude“, so die geschäftsführende Partnerin und Partnerin in Charge des Kispi Zürichs, Christine Binswanger.
Das Kispi und die Geschichte und Zukunft des Healing Environments
Das Kispi steht mit seiner einladenden Längsfassade dem ehrfurchtgebietenden, historistischen Monumentalbau der Psychiatrischen Universitätsklinik von 1870 vis-à-vis. Dahingehend und in Beziehung zu seinem Vorgängerbau, dem von Otto Rudolf Salvisberg 1939 fertiggestellten Kinderspital in Zürich Hottingen, vollzieht das Kispi die architekturhistorische Entwicklung des Krankenhausbaus nach. Während der Bau des ehemaligen Kinderspitals aus den 40er Jahren schon von anspruchsvollen Ansätzen einer heilenden Architektur gezeichnet war, entbehrte der Anbau aus den 70er Jahren diese zugunsten einer technokratischen Architektursprache. Das Kispi von Herzog & de Meuron leitet mit seinen Ansätzen des Healing Environments eine neue Ära des Krankenhausbaus ein, während sein Vorgängerbau eine hitzige Debatte bezüglich dessen Nachnutzungskonzeption in Zürich anstößt.
architektur.aktuell 09/2025
Toggenburg ist in seiner Baukultur bis heute wesenseigen erhalten. Das charakteristische Toggenburger Haus, ein Strickbau mit Steilgiebel und klassischer Sparrendachkonstruktion, ummantelt von einem Schindelkleid, säumt das Tal am Fuße der Churfirsten und prägt die Region in der Ostschweiz. In Obertoggenburg, auf 1150 Metern Höhe, steht das Klanghaus. Es ist ein von dem Musiker und Komponisten Peter Roth zusammen mit dem Kanton St. Gallen initiiertes Projekt, das nicht bloß baulich, sondern auch musikalisch der kulturellen Identität der Region Rechnung trägt. Ein Kulturbau der öffentlichen Hand, der den Toggenburger Naturklängen und Volksmusik ein Haus und Begegnungsort, im interkulturellen Austausch mit seinen Gastspieler_innen, bietet, selbst raumgewordener Klang und begehbares Instrument ist. Mit den Worten Marcel Meilis gesprochen: „Letztlich ist das Klanghaus der formale und physische Körper eines musikalischen Experiments, nur das.“
Der 2019 verstorbene Architekt Marcel Meili skizziert in zehn Entwurfsthesen einen parabolischen Resonanzkörper, der zwischen Natur, Mensch und Klang schwingt und diese Symbiose räumlich, architektonisch Raum werden lässt. Marcel Meili hat den Architekt_innen Astrid Staufer & Thomas Hasler seine Thesen in die Hände gelegt, die diese, über seinen Tod hinaus, verbaulichen.
Als Teil des Ensembles Klangwelt liegt das Klanghaus auf einem Plateau. Es nimmt seine Besucher_innen, vorbei am Resonanzzentrum Peter Roth, ein Stück bergaufwärts in Empfang. Es eröffnet sich landschaftlich eingebettet mit Blick auf den Schwendisee. Von hier aus führt der Klangweg entlang des Seeufers und parallel dem Gipfelsaum.
Das Klanghaus ist eine parabolische, räumliche Skulptur. Ihre zeichenhafte Architektursprache steht nicht zwangsläufig in der typologischen Tradition eines Pavillons, sondern ist eine zwischen Innen- und Außenraum aufgespannte Membran. Sie fängt die Klänge der Landschaft ein, trägt sie durch ihre Innenräume und in das Tal hinaus. Drei Parabeln werden um eine Mittelachse zueinander verdreht. Sie formen konkave Außenräume um einen zentralen Innenraum und drei sich dazwischen aufspannende Musikräume, die entsprechend ihrer Bezüge zur Landschaft Musikraum Schwendisee, Schafberg und Iltios heißen. Auch diese Räume verhalten sich gen ihrer Hülle konkav, sodass sich im Außenraum nicht drei, sondern insgesamt sechs dieser parabolisch gerahmten Räume, als Außenbühnen, Terrasse und Parvis, ausbilden. Entlang des Linienspiels zwischen konvex und konkav scheinen die Architekt_innen den Innen- und Außenräumen symmetrische Bedeutungshoheit zu verleihen. Dazwischen schwingt die hölzerne Membran.
Der zentrale Innenraum lässt sich durch die Musikräume zu verschiedenen räumlichen und programmatischen Situativen komponieren. Durch das Aufschwingen der raumbildenden Wände erschließen sich Licht- und Klangachsen durch das Haus hindurch. Die Wände sind ausgebildet als Resonanzkörper, in Anlehnung an die Akustik des von Marcel Meili in seinen Thesen referenzierten Musikraums des Ali-Qapu-Palasts in Isfahan. Sie prägen den Ausdruck des architektonischen Innenraums, als gestalterisches und klanglich lebendiges Ornament.
Die Holzkonstruktion des Hauses wird von Holzschindeln ummantelt. Traditionell führen diese anfallendes Wasser entlang der Fassade des Toggenburger Hauses, über ein Meer aus Schuppen und Gesimsen, die über den Fenstern geschwungen sitzen. Die Schuppen schmiegen sich der Linienführung des Hauses an und schließen dieses nach außen als Membran. Sie avancieren visuell zu Tönen und auf der Fassade scheinen Klangmuster zu entstehen. Auch das die Figur nach oben hin abschließende, weit auskragende Dach ist in seiner Untersicht von Schindeln umhüllt. Das Kranzgesims folgt annäherungsweise der gekrümmten Linie der Fassade in einem freien Spiel seiner auskragenden Tiefe und Höhe gegenüber dem Terrain. Das Haus ist durch Linien gezeichnet, und die Handschrift des Autors Marcel Meilis gelangt durch die Architekt_innen Astrid Staufer & Thomas Hasler zu ihrer baulichen Realisation.
Das in vielerlei Hinsicht ambitionierte Projekt Klanghaus Toggenburg gibt der, in der Buchpublikation Resonanzen:Klanghaus Toggenburg, rhetorisch gestellten Frage Astrid Staufers Antwort: „Ist es ein Pavillon?“ Es ist ein kultureller Initialträger, ein Pionierprojekt des Rechnungstragens und der Revitalisierung der Musiktradition des Toggenburgs, das gemeinsam mit Peter Roth, Marcel Meili und den Architekt_innen Hasler & Staufer zum Klingen gebracht worden ist. Es ist ein forschendes Experiment und ein räumliches Instrument, das sowohl im Innen- als auch im Außenraum die Klänge des Toggenburgs und die seiner Gastspieler_innen einfängt, miteinander in Beziehung setzt und sie in neuen klanglichen Kompositionen in das Gehör und in die Landschaft trägt.
architektur.aktuell 08/2025
Durch eine der siebzehn St. Gallen erschließenden Brücken hindurch, windet sich eine Straße den Hang hinab. Entlang dieser Straße steht längs seiner Fassade das 2024 fertiggestellte Mehrfamilienhaus Sittertalstrasse 18, von STUDIO ROMANO TIEDJE. Dahinter säumt sich dicht der Waldrand. Von oben herab blickend ist unten im Tal das Gelände einer ehemaligen Textilfärberei, heute die Metallgießerei St. Gallen und die Kulturstiftung Sitterwerk zu sehen. Die Gießerei genießt einen Bekanntheitsgrad über die Schweiz hinaus und wird international von Künstler_innen beauftragt. Indem ihr angebundenen Atelierhaus werden Künstler_innen dazu eingeladen, im Rahmen einer Residency auf dem Gelände zu leben und zu arbeiten. Auch die beiden Architekt_innen und Inhaber_innen des Büros STUDIO ROMANO TIEDJE, Lisa und Luca, haben einen Arbeitsplatz im Sitterwerk bezogen und wohnen vor Ort. Sie haben sich gewisser Weise selbst eine Residency eingerichtet und adaptieren ein Arbeitsmodell, bei dem Kunst- und Architekturschaffende räumlich in den Entstehungsprozess ihres Werkes eingebunden sind.
Lisa und Luca wurden von der gemeinnützigen Stiftung hausen+wohnen, St. Gallen, beauftragt, das in der Hand der Stadt liegende, ortsbildgeschütze, ehemalige Arbeiter_innenhaus durch einen Ersatzneubau zu beleben. Dieser soll dem Programm der Stiftung entsprechen, das kostengünstiges Wohnen fördert. Es stellt sich die Frage, wie können die Investitionskosten der Stiftung diesem Programm Rechnung tragen? Kann ein Haus, das ästhetisch und gestalterisch anspruchsvoll ist, ein günstiges sein? Die Rechnung ist bei den beiden Architekt_innen anzusetzen und ihrer Hingabe zum prozessbegleitenden Planen und Bauen. Eingeleitet wird dieser Prozess durch einen Workshop, der die Bewohner_innen, die gleichzeitig ehemalige wie zukünftige sind, zur Partizipation einlädt und aus dessen Ergebnis sich das später im Grundriss verbaulichte Raumprogramm schlussfolgern lässt.
Lisa und Lucas Biografien sind beide von einer besonderen Affinität zur Kunst und Kunstproduktion geprägt. Ihnen ist daher die Parallelität zwischen Entwurf und Ausführung, in der sich das Ergebnis noch im Entstehungsprozess weiter denken und gestalten lässt, gemein. Die beiden Architektinnen, die am liebsten im Modell oder 1:1 entwerfen, arbeiten eng mit den im Planungsprozess beteiligten Unternehmen zusammen. Sie begegnen deren Ausführungsqualitäten aufgeschlossen und beteiligen sich in demjenigen Moment, indem künstlerische Konzeption und handwerkliche Fertigung in Einklang gelangen.
Am Ende sind es die Architekt_innen, die der Frage nach günstigem Wohnen Antwort geben. Sie ertüfteln individuelle Lösungen und berechnen vergleichsweise, um zu prüfen, worin Ersparnis gelingen oder Kosten umgelenkt werden können. Innenputz wird eingespart, das Mauerwerk gestrichen, und dafür ein Balkon adaptiert. Die Stärke der Decken durch eine mittig den Innenraum gliedernde Stütze minimiert, zu Gunsten der davon profitierenden Raumhöhe und Wohnqualität.
Das Haus ist eine plastische Volumetrie, die sich vor allem durch ihre Öffnungen und den Tiefen dieser definiert und einem dünnen, sich biegsam der doppelten Krümmung eines diagonalen Firsts anschmiegenden Dachs. Die Fensterläden schließen plan die Fassade. Der Putz mit seinem steinernen Zuschlag hilft der Plastizität des Volumens, das durch einen farblich fein nuancierten Sockel in der Fläche unterschieden ist.
Die durch Fluchten entstehenden Durchsichten transportieren das Farbspektrum des Laub- und Nadelgrüns über Reflexionen an Boden, Wand und Decke in den Innenraum des Hauses. Und plötzlich stehe ich in einem Spannungsfeld zwischen vier sich diagonal gegenüber positionierenden Räumen. Und sinngemäß in deren Zwischenraum. Gegliedert werden diese Räume durch Ziegelmauerwerk und ergänzend durch erdbebenertüchtigende Betonwände.
Eine besondere Qualität der Architekt_innen sind Metallarbeiten. So entwerfen sie ein bewegliches Küchenelement, ein filigran figürliches Treppengeländer und einzelne Objekte, wie die tropfenförmige Lampe im Deckenbereich des Stiegenhaus. Dies bedingt sich nicht etwa durch die Nähe zu den Metallwerkstätten der Giesserei, sondern einzig durch ein ambitioniertes Interesse an individueller Fertigung, abseits der Standardproduktpalette. Alles, was außerhalb des Volumens liegt, ist roh und metallen und der Fassade angehängt: die Bank, die Leuchten, die Briefkästen und der Balkon.
Lisa und Luca leben ein Wohn- und Arbeitsmodell, das an Künstler_innen Enklaven denken lässt. Die Architektur des Mehrfamilienhaus entsteht durch Prozesse, die der Kunstproduktion eigentümlich sind, auch wenn Zeitspannen und Planungsaufwand wesentlich verschieden sind. So sind es auch Material- und Investitionskosten. Es ist also ein selbsterstandenes Privileg, das sich die beiden Architekt_innen Luca und Lisa eingerichtet haben und das sich einzig aus ihrem besonderen Engagement entlang des Planungsprozesses und gegenüber kostengünstigem Wohnen ergibt. Die beiden Architekt_innen haben nicht bloß ein Haus gebaut, sondern sich einen kunst- und architekturschaffenden Rahmen, der in seiner Besonderheit seinesgleichen sucht.
architektur.aktuell 09/2024
Eine ehemalige Toggenburger Scheune, vormals dienlich als Stellwerk für Pferd samt Fuhrwerk, und ein Walliser Stall, heute ein Feriendomizil, firmieren unter den Projekttiteln 008 Scheune und 039 Reckingen bei Studio Noun. Studio Noun sind die beiden Architekten Hendrik Steinigerer und Philipp Schaefle und deren in Zürich ansässiges Team. Über die gemeinsame Arbeit an verschiedenen Architekturprojekten im Toggenburger Land, speziell dem Bergrestaurant und Lifthütte Chäserrügg des Basler Büros Herzog de Meuron, lernen die beiden Architekten einander kennen und beschließen ihre Erfahrungshorizonte in einer gemeinsamen Büroarbeit zu bündeln.
Toggenburg ist ein Tal, das sich entlang des Flusslaufs der Thur, durch den Schweizer Kanton St. Gallen windet. Zwischen Bodensee und Walensee gelegen, säumen in Toggenburg zur Viehzucht kultivierte Wiesen die ersten felsigen Emporkömmlinge der Alpenregion, die Churfirsten. Toggenburg zeichnet sich durch einen für dessen Region besonderen Stil aus und unterscheidet sich insbesondere durch eine zersiedelte Dorfstruktur von anderen Tälern der Schweiz. Am oberen Rand eines liebevoll als Hürnli bezeichneten Hanggrundstücks, thront ein urtypisches Toggenburger Wohnhaus im neuen Heimatstil. Am unteren Rand steht eine Scheune. Bis vor nicht allzu langer Zeit hat hier die Hausbesitzerin ihre Pferde und Fuhrwerk untergebracht. Nach Übernahme durch die neuen Besitzer_innen konnte die Scheune durch das Engagement von Studio Noun, in kollaborativer Auseinandersetzung mit der Bauherr_innenschaft reaktiviert und zu einem Erholungs- und Rückzugsraum gestaltet werden. Als gebürtiger Nesslauer soll die Hütte dem Bauherrn als ein Refugium zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Wurzelwerk dienen,– einen Erholungswert den bloß Heimat verspricht. Durch ihre Zusammenarbeit machen die Architekten verschiedene diskursive Themen der Nachhaltigkeit auf, wovon Reaktivierung von Leerstand lediglich ein Teilaspekt ist. Hendrik und Philipps Architekturen sprechen über typologische Nachhaltigkeit, über programmatische, ästhetische und ressourcenschonende Nachhaltigkeit. Über einen nachhaltigen kulturhistorischen Horizont und über die Soziologie die diesem implizit ist.
Anders als der gebürtige Nesslauer Bub, so wie der Bauherr im Projektbeschrieb heißt, sind die beiden Architekten Wahl-Heimatnehmer des Toggenburgs. Ihre architektonischen Arbeiten zeugen von intensiver Auseinandersetzung mit der Kulturhistorie der Region und zeigen sich behutsam gegenüber dem Bestand. Was anderswo, angetrieben durch ein überregionales Interesse an Wertschöpfung dieser entlegenen Täler, als Potemkinsche Kulisse in architektonische Erscheinung tritt, ist hier ein verhandlungsversierter Kompromiss zwischen gesellschaftlichen Umbrüchen und kulturellem Erhalt. Denn die durch demographischen und ökonomischen Wandel ihrer Nutzung obsolet gewordenen Landwirtschaftsbauten drohen dem Verfall oder verlangen nach Reaktivierung durch ein neues Programm. Dass dieses Programm häufig Zweitwohnsitz heißt, mag augenscheinlich ein Widerspruch zur kultursoziologischen Nachhaltigkeit eines Dorfes sein, doch ist es der Nesslauer Bub selbst, der aus Verbundenheit zur Scheune beschließt aus ihr ein Studio zu gestalten,– einen Ort, der ihn seine Verwurzelung spüren lässt, aber auch zuversichtlich Einzug in die Gegenwart hält. Ein Balanceakt aus Erhalt und Erneuerung, der Nostalgie nicht anheim fällt, sondern Baugeschichte weiter schreibt.
Von Aktivierung sprechen die Architekten nicht bloß in programmatischem Zusammenhang, sondern aktivieren die architektonischen Eingriffe die Tektonik des Gebäudes zu neuer Stabilität. Pfosten und Pfeiler, der vornehmlich gesteckten zimmermanischen Verbindungen, werden mittels eines komplexen Planungsprozesses von außen der Altstruktur eingefädelt. Es entsteht ein kompakter Studioraum der den Stall und dessen Logik respektiert und diesen in Symbiose zu neuer Geltung führt. Es zieht ein Haus in ein Haus ein beziehungsweise das Studio in die ehemalige Scheune,– ein Beispiel für typologische Nachhaltigkeit par excellence.
Das Haus zeigt seine Spuren und seine Geschichte. Wie es einmal war und was es heute sein will. Es zeigt, dass sich hier einst noch die Kühe an der Kalkgespritzten Wand gerieben haben, wo heute gewohnt wird. Studio Noun wahren Ehrlichkeit darüber und tauschen lediglich die Teile aus, die in maroderem Zustand sind und danach verlangen ersetzt zu werden. Das Einraumstudio gestalten sie in abstrakten Details und stellen dabei Bezug zur Geschichte der Scheune her,– so ist der kalkverputzte Innenraum eine tradierte Referenz an die alkalische Auskleidung des Kuhstalls. Sie verschieben und verlegen Dielen und zimmern sie zu Wänden, die die gebrauchstypischen Spuren eines Bodenbelags weiter zeigen. Auch findet der Ziegelboden, einer dem Abriss gewidmeten Scheune der Nachbarschaft, Einzug in das neue Gebäude. Der Maurer verlegt sie in Kassettenform zusammen mit Studio Noun, deren Interesse insbesondere auch der Reaktivierung des Handwerks und diskursiver Partizipationsprozesse gilt, die lange Traditionen im ländlichen Raum haben.
Hendrik und Philip plädieren für eine Kompromissbereitschaft die sich vor allem durch einen offenen Dialog auszeichnet und so Brücken schlägt. Sich mit konkreten Faktoren unserer gelebten Umwelt auseinanderzusetzen ist zentral für die Arbeit von Studio Noun und in ihrem Slogan pointiert: sustainable strategies for human centered architecture. Ausgang und Zielpunkt ist der Mensch. Architektur verspricht genau dann ein Instrument von Nachhaltigkeit zu sein, wenn sich Mensch und Architektur symbiotisch vereinen. Deswegen entwerfen Studien Noun entlang der Grundbedürfnisse des Menschen, die heute und auch morgen noch gültig sind.
Anders als die tälerne Region des Toggenburg zeichnet sich die Region rund um Reckingen, Teil der Walliser Gemeinde Goms, durch eine besonders hohe Dichte aus. Entlang einer intakten Stadelgasse von einmaliger Geschlossenheit reihen sich die Wohn- und Wirtschaftshäuser in Blockbauweise. Eines davon ist der Stall, den Studio Noun durch ein neues Nutzungsszenario – Ferienwohnen – aktivieren. Ein Interesse an Erhalt ist hier gesichert durch den Anspruch an Ensembleschutz. Das Programm Zeitwohnsitz ist dabei kein Kriterium. Dahingegen ist der sensible Umgang mit dem Altbestand von besonderer Relevanz. Die Architekten implementieren auch hier einen Wohnraum, dessen Außenhaut sich dicht an die Wände des Altbestands schmiegt und im Verbund dämmende und tragende Eigenschaften übernimmt. Auch dieses Werk zeichnet sich durch ein besonderes Detailreichtum aus, das sich an den handwerklichen Fertigungstechniken orientiert, diese referenziert und neu interpretiert. Auch hier werden lediglich marode Teile ersetzt und stellenweise ausgebessert. Auch hier werden Gebäudeteile umstrukturiert und zu neuen Zwecken eingesetzt. Auch hier ist der Mensch in seiner komplexen Bedürfniswelt zentral für den Entwurf von Studio Noun, die diese in engem Dialog mit den Bauherr_innen entwerfen.
Scheune und Stall erzählen die Geschichte eines Hauses, eine Dorfes und seiner Bewohner_innen, Handwerke und Traditionen. Ihnen wohnt ein Wesen ein. Und wenn von diesem Wesen ausgegangen wird, erklärt sich in Toggenburg und Reckingen ganz explizit, warum Scheune und Stall von Verfall und Abriss verschont werden sollen. Dann sprechen wir von Nachhaltigkeit, da das Haus nachhaltig in seinem Wesen, in seiner Eigenart erhalten bleibt und als Lebenswelt seiner Bewohner_innen ein neues Kapitel aufschlägt. Studio Noun, die Scheune und der Stall zeigen, Architektur und das Wissen über Erhalt sind ein globales Verständnis, das in sensiblen Gestus Geschichte weiter schreibt.