Innerhalb des vorliegenden Vorhabens plane ich primär, eine Diskursanalyse philosophisch zu argumentieren. Ich lese Foucaults Diskursbegriff als proto-computationale Disposition und nehme diese in den Dienst meiner Argumentation. Den Architekturdiskurs versuche ich sodann entlang sechs medialer Korpora in einer quantitativen Analyse in seiner strukturellen Beschaffenheit zu verstehen und diesen Befund als Machtkritik meinem philosophischen Rahmen zurückzuführen. Während Michel Foucault die Struktur von Machtformationen beschreibt, untersucht Nancy Fraser ihre materiellen und politischen Konsequenzen. Fraser deutet dadurch eine Perspektive zur Dekonstruktion und Dezentrierung des Architekturdiskurses, und seiner sich architektonisch und sozial manifestierenden Implikationen, und seine Dekolonisierung an.
Der Architekturdiskurs ist mein Forschungsgegenstand, Computational Discourse Analysis ist mein empirisches Instrument, und meine Forschungsfrage lautet: Lässt sich Machtformation entlang des Architekturdiskurses empirisch nachweisen, und was folgt aus diesem Nachweis, philosophisch, normativ und architektonisch artikuliert?
Die theoretische Rahmung für mein Vorhaben bildet demnach Foucaults Diskurstheorie. Diskurs wird darin als strukturell angelegte Machtformation begriffen, die Sichtbarkeit und Ausschluss reguliert. Eine entscheidende These, auf die ich im Rahmen meiner Vorstudien stoße, behauptet, Foucaults Methode sei strukturell kompatibel mit dem, was Computational Discourse Analysis heute operationalisiert: „The allusions are clear [...] for example when Foucault explains that‚ the building-up of coherent and homogeneous corpora of documents’ is a decisive methodological problem of contemporary historical studies, or when […] he lists ‚the quantitative treatment of data, the breaking-down of the material according to a number of assignable features whose correlations are then studied, interpretative decipherment, analysis of frequency and distribution.‘“ Sie wird meinem Vorhaben wesentlich impulsgebend sein.
Methodisch plane ich mein Vorhaben in drei Zügen aufzugleisen, die ich nachfolgend nachvollziehe.
01 Philosophische Grundlegung
Ich schließe Foucaults Diskurstheorie an die schon in Aussicht gestellte These, seinem Diskursbegriff obläge eine besondere Disposition als proto-computational, philosophisch an, um sie für mein eigenes Vorhaben dienstbar zu machen. Ich argumentiere, Foucault habe bereits eine Logik der Verteilung von Aussagen und Erwähnungsfrequenz entwickelt, die strukturell kompatibel ist mit dem, was mir durch Computational Discourse Analysis gelingt.
02 Medienanalytische Quantifizierung
Als empirische Illustration meiner philosophischen Grundlegung plane ich, den Architekturdiskurs entlang sechs medialer Korpora zu quantifizieren. Mittels der Methode der Computational Discourse Analysis möchte ich aus medialen Trägern des Diskurs Daten extrahieren. Entlang von Erwähnungsfrequenzen werden sich sodann Repräsentationsasymmetrien evident führen und daraus Muster/Machtformation diskurskritisch analysieren lassen. Vorder- und Rückseite dieses Dossiers bilden eine Pilotstudie ab, entlang derer ich sowohl meine Methode als auch meine These exemplarifiziere. Mittels eines Skripts erhebe ich länderspezifische Erwähnungen der jeweils fünf bevölkerungsreichsten Länder jedes Kontinents und der Golfregion auf der digitalen Plattform ArchDaily. Während die USA und Deutschland, neben anderen, den Diskurs weit über ihren demografischen Horizont hinaus dominieren, bleiben andere Länder radikal unterrepräsentiert. Ich stelle deswegen diese Erwähnungsfrequenz der Bevölkerung des jeweiligen Landes gegenüber, um über eine Indexzahl den Quervergleich herzustellen.
Ich plane, meine Analyse auf die Parameter Bevölkerung, Baumasse, ökologischer Eingriff und Kapitalfluss anzulegen, um damit anschlussfähig an zeitgenössische Architekturkritik zu sein. Die sechs Medienkorpora lege ich entlang einer Differenzierung zwischen globalem und deutschsprachigem Diskurs an: Architekturplattformen (01a/b), Architekturpresse (03a/b), akademischer Diskurs (04a/b) und Buchpublikationen (05a/b). Deutschland erweist sich dabei als methodisch aufschlussreiche Binnenstudie: Wenn Repräsentationsasymmetrien entlang von Bevölkerung, Baumasse, ökologischem Eingriff und Kapitalfluss bereits innerhalb eines diskursiv privilegierten Landes nachweisbar sind, verschärft sich ihre Evidenz auf globaler Ebene entsprechend.
Social Media (Korpus 02) möchte ich über die Meta Content Library API erschließen und dazu Akkreditierung durch die Universität beantragen. Die Digitalisierung der Medienlandschaft ist in diesem Rahmen nicht nur ein technisches, sondern ein epistemisches Ereignis, entlang dessen neue Bedingungen für die Analyse von Diskurs entstehen, die ich produktiv in mein Vorhaben einbinden möchte. Dabei begreife ich insbesondere Social Media, deren konstitutive Distributionslogik auf Reichweite und Likes beruht, emblematisch für mein Vorhaben. Social Media quantifiziert sich schließlich selbst.
Der Kunstdiskurs (Korpus 06) hat in den vergangenen Jahrzehnten eine signifikante globale Öffnung vollzogen und bietet sich mir deswegen als Vergleichsfolie an.
03 Philosophische Kritik
Die Befunde plane ich ihrer philosophischen Rahmung zurückzuführen, als empirischen Nachweis darüber, dass der Architekturdiskurs eine Machtformation im Sinne Foucaults ist. Die Quantifizierung verstehe ich deswegen als kritisches Instrument seine Konstitutive sichtbar zu machen. Sie denaturalisiert den Diskurs und entzieht seiner hegemonialen Machtformation ihre konstitutive Unantastbarkeit.
Dadurch nimmt mein Vorhaben seine Wendung von einer Diskursanalyse in eine philosophische Machtkritik und öffnet sich dem Vorhaben von Nancy Fraser. Fraser stellt fest: Misrecognition ist keine freischwebende kulturelle Erscheinung, sondern wird „perpetrated through institutionalized patterns, through the workings of social institutions that regulate interaction according to parity-impeding cultural norms“ Gegenüber Jürgen Habermas’ Modell einer konsensuell organisierten Öffentlichkeit setze ich Frasers Forderung nach participatory parity entgegen. Nicht die Herstellung eines universell konsensuellen Architekturdiskurses, sondern seine Dekonstruktion und die Dekonstruktion derjenigen institutionalisierten Machtformation, die bestimmten Akteuren die gleichberechtigte Teilhabe am Diskurs strukturell verweigert.
Durch meine Methode erschließt sich ein Möglichkeitsraum, in dem Repräsentationsasymmetrien entlang der vier Achsen Bevölkerung, Bauvolumen, ökologischer Eingriff und Kapitalfluss sicht- und verhandelbar werden. Bedenke ich, dass die Architekturdisziplin als massive demografische und umweltökologische Einfluss- und Verantwortungsträgerin gegenüber der zivilen Bevölkerung unserer globalisierten Welt agiert, erweist sich mir dieser neue Möglichkeitsraum des globalen Diskurses als von besonderer Handlungsmacht. Durch ihn kann der Gesamtkomplexität der architektonischen Disziplin Rechnung getragen und die materialistische Folge des Diskurses gestaltbar gemacht werden.
Das normative Ziel meines Vorhabens ist keine demografische Demokratisierung des Diskurses, die seine ästhetischen, kulturellen, historischen und hermeneutischen Qualitäten nivelliert, sondern eine Dekonstruktion und Dezentralisierung in Richtung inklusiverer Rezeption und Partizipation. Die europäische Zentralstellung im Diskurs verstehe ich dabei als Manifestation kolonial gewachsener Wissens- und Machtstrukturen, die den Diskurs bis heute strukturieren und eine Neukonstitution des Diskurses auf globaler Ebene blockieren. Die Quantifizierung eines Quantum Architekturdiskurs ist in diesem Sinne anschlussfähig an eine postkoloniale Theorie und ich behaupte implizit auch, an das was, Felicity D. Scott als Outlaw Territories, Environments of Insecurity / Architectures of Counterinsurgency beschreibt, und Rem Koolhaas als Junkspace.
1 vgl. Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981.
2 vgl. Fraser, Nancy / Honneth, Axel: Redistribution or Recognition? A Political-Philosophical Exchange. London: Verso, 2003.
3 Dotzler, Bernhard J. / Schmidgen, Henning / Stein, Benno: 'From the Archive to the Computer: Michel Foucault and the Digital Humanities.' In: Journal of Cultural Analytics 7(4), 2023, s. 2.
4 ArchDaily wurde 2008 von den chilenischen Architekten David Basulto und David Assael in Santiago de Chile gegründet und 2020 von der schweizerischen NZZ Mediengruppe (über Architonic) übernommen. Der Hauptsitz befindet sich weiterhin in Santiago, mit Büros in Berlin, Shanghai und Mexico City. vgl. https://www.dezeen.com/2020/05/04/archdaily-sold-architonic-architecture-website/
5 siehe Bibliographie
6 Die Bauvolumenrechnungen des DIW Berlin im Auftrag des BBSR besagen, dass 2023 rund 57 Prozent des deutschen Bauvolumens auf den Wohnungsbau entfielen, einen Sektor, der im kanonischen Architekturdiskurs weitgehend unterrepräsentiert ist.
vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) / Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin): Strukturdaten zur Produktion und Beschäftigung im Baugewerbe. Berechnungen für das Jahr 2023. Bonn: BBSR, 2024.
7 Fraser, Nancy: 'Rethinking Recognition.' In: New Left Review 3, Mai/Juni 2000, s. 114.
8 vgl. Scott, Felicity D.: Outlaw Territories: Environments of Insecurity / Architectures of Counterinsurgency. New York: Zone Books, 2016.
9 vgl. Koolhaas, Rem / Mau, Bruce: 'Junkspace.' In: S,M,L,XL. New York: Monacelli Press, 1995.