Herzog & de Meuron / Kinderspital Zürich






architektur.aktuell 10/2025 

 

Die Architekt_innen von Herzog & de Meuron sprechen im Zusammenhang mit ihrer Planung für das Kinderspital Zürich von einem Healing Environment. Das Healing Environment, das sich in seinen ersten Forschungsansätzen in das 19. Jahrhundert zurückdatieren lässt, umfasst verschiedene Implikationen und steuert die Verschränkung medizinischer und architektonischer Expertise an. Architektur kann den Aufenthalt der kleinen Patient_innen und ihrer Eltern atmosphärisch gestalten. Sie kann Heilung fördern, sagt der Architekt Jaques Herzog.

Das Kispi im Gesundheitscluster
Das Kinderspital von Herzog & de Meuron schloss sich in Zürich mit sieben weiteren medizinischen Einrichtungen zum Gesundheitscluster Lengg zusammen. Die Architekt_innen von Herzog & de Meuron gewannen 2012 den Wettbewerb für das Akutspital und das dazugehörige Zentrum für Forschung und Lehre des Universitätskinderspitals Zürich, die sie, zwischen 2014 und 2024, in zwei verschiedenen Gebäudekubaturen realisierten. Das Kispi ist ein sich in die Horizontale ausdehnender, flächiger Betonskelettbau mit Holzfassade. Das Forschungszentrum ist eine abstrakte geometrische Zylinderform, die sich in Betonringen in die Vertikale streckt, unterbrochen durch Terrassen und zurückliegende Glasflächen. Beide Gebäude entstanden zwar im Zuge derselben Beauftragung, sprechen jedoch eine voneinander verschiedene Architektursprache. In dem medizinischen Ensemble des Gesundheitsclusters Lengg, das mit dem Kispi eines der modernsten Kinderkrankenhäuser der Welt initiiert, stehen sie unabhängig zueinander, als Solitäre.

Architekturorganisation in zwei Layern
Das Kispi ist flächig. Es dehnt sich in seiner Länge über 300 Meter aus und erstreckt sich über drei oberirdische und zwei unterirdische Geschosse. Seine Längsseiten sind konkav gebogen und verleihen so dem quadratischen Gebäudegrundriss eine Geste des Einladens. Entlang seiner Fassade reihen sich im obersten Geschoss die Zimmer der kleinen Patient_innen. Verschieden geneigte Pultdächer lassen sie mit kleinen Häusern assoziieren. 
Durch eine gedrungene Eingangspassage hindurch erschließt sich das Gebäude in einen lichternen Innenhof. Über diesen Innenhof werden die Patient_innen, ihre Eltern und Besucher_innen in der zentralen Eingangshalle in Empfang genommen. Von hier erstreckt sich die Hauptverkehrsachse, entlang welcher die Organisation und Orientierung im Funktionsapparat Akutspital erfolgt, über die gesamte Gebäudelänge. Ihr sind die Innenhöfe und die medizinischen Fachbereiche in Quartieren angegliedert. Im Erdgeschoss erschließt die Hauptachse die Bereiche Cafeteria, Tagesklinik, Polyklinik und Bilddiagnostik, bis hin zur Notfallstation. Auch die Bereiche besonderer Pietät, die Neonatologie, die Intensivpflegestation und der Operationsbereich, liegen im Erdgeschoss. Sie sind zwar entlang der Achse orientiert, werden aber innerhalb ihrer eigenen Quartiersstruktur erschlossen. Medizinischer und besuchender Personenverkehr tangieren einander deswegen bloß bedingt und passieren parallel. 
Die medizinischen Behandlungen des Akutspitals verlangen nach hoher Präzision. So sind die Abläufe der fast 2.600 Mitarbeitenden streng koordiniert. Das sich in der Fläche ausdehnende Gebäude nimmt deswegen Shortcuts über Treppen und Aufzüge, und organisiert die Erschließung vom jeweiligen Quartier in die Vertikale. Im ersten Obergeschoss folgen auf den medizinischen Fachbereich die entsprechenden Büro- und Behandlungszimmer, im zweiten dann die Patient_innenzimmer.

Herzog & de Meuron und die Erforschung des Healing Environments
Die architektonische Absichtserklärung des Healing Environment scheint durch die Architekt_innen von Herzog & de Meuron erforscht und definiert. Die Basis des Healing Environment, die medizinisch, funktionale Organisationsstruktur, wird überlagert von einem zweiten Layer, der das atmosphärische Wohlbefinden der Patient_innen adressiert. Besucher_innen, Licht, Luft, Kunst und der Außenraum werden in das Gebäudeinnere eingeladen. Die Materialität ist funktional und höchsten medizinischen Standards entsprechend und dabei naturbelassen, warm und den menschlichen Sinnen nach orientiert. Diese beiden Layer stehen in Verschränkung zueinander, zwischen medizinischer und architektonischer Expertise. Der erste Layer ist funktional. Der zweite Layer, ist kindgerecht und wurde für das Kispi Zürich entsprechend der Bedürfniswelt seiner kleinen Patient_innen entworfen. Das Akutspital, in seinem Wesen ein medizinischer Apparat, bleibt leserlich erhalten und wird trotz seiner Verschränkung mit dem zweiten, atmosphärisch gestaltenden Layer, nicht verschleiert. „In Zusammenarbeit mit vielen anderen Spezialisten durften wir die Eleonorenstiftung auf allen Ebenen des Projekts begleiten und beraten – vom Städtebau über Architektur und Vegetation über die Materialien bis hin zur medizinischen Ausstattung und Möblierung. So entstand ein ganzheitlich gedachtes, funktionales, ruhiges und trotzdem vielfältiges Gebäude“, so die geschäftsführende Partnerin und Partnerin in Charge des Kispi Zürichs, Christine Binswanger.

Das Kispi und die Geschichte und Zukunft des Healing Environments
Das Kispi steht mit seiner einladenden Längsfassade dem ehr­furcht­ge­bie­tenden, historistischen Monumentalbau der Psychiatrischen Universitätsklinik von 1870 vis-à-vis. Dahingehend und in Beziehung zu seinem Vorgängerbau, dem von Otto Rudolf Salvisberg 1939 fertiggestellten Kinderspital in Zürich Hottingen, vollzieht das Kispi die architekturhistorische Entwicklung des Krankenhausbaus nach. Während der Bau des ehemaligen Kinderspitals aus den 40er Jahren schon von anspruchsvollen Ansätzen einer heilenden Architektur gezeichnet war, entbehrte der Anbau aus den 70er Jahren diese zugunsten einer technokratischen Architektursprache. Das Kispi von Herzog & de Meuron leitet mit seinen Ansätzen des Healing Environments eine neue Ära des Krankenhausbaus ein, während sein Vorgängerbau eine hitzige Debatte bezüglich dessen Nachnutzungskonzeption in Zürich anstößt.