Marcel Meili und Staufer & Hasler / Klanghaus Toggenburg




architektur.aktuell 09/2025 



Toggenburg ist in seiner Baukultur bis heute wesenseigen erhalten. Das charakteristische Toggenburger Haus, ein Strickbau mit Steilgiebel und klassischer Sparrendachkonstruktion, ummantelt von einem Schindelkleid, säumt das Tal am Fuße der Churfirsten und prägt die Region in der Ostschweiz. In Obertoggenburg, auf 1150 Metern Höhe, steht das Klanghaus. Es ist ein von dem Musiker und Komponisten Peter Roth zusammen mit dem Kanton St. Gallen initiiertes Projekt, das nicht bloß baulich, sondern auch musikalisch der kulturellen Identität der Region Rechnung trägt. Ein Kulturbau der öffentlichen Hand, der den Toggenburger Naturklängen und Volksmusik ein Haus und Begegnungsort, im interkulturellen Austausch mit seinen Gastspieler_innen, bietet, selbst raumgewordener Klang und begehbares Instrument ist. Mit den Worten Marcel Meilis gesprochen: „Letztlich ist das Klanghaus der formale und physische Körper eines musikalischen Experiments, nur das.“

Der 2019 verstorbene Architekt Marcel Meili skizziert in zehn Entwurfsthesen einen parabolischen Resonanzkörper, der zwischen Natur, Mensch und Klang schwingt und diese Symbiose räumlich, architektonisch Raum werden lässt. Marcel Meili hat den Architekt_innen Astrid Staufer & Thomas Hasler seine Thesen in die Hände gelegt, die diese, über seinen Tod hinaus, verbaulichen. 
Als Teil des Ensembles Klangwelt liegt das Klanghaus auf einem Plateau. Es nimmt seine Besucher_innen, vorbei am Resonanzzentrum Peter Roth, ein Stück bergaufwärts in Empfang. Es eröffnet sich landschaftlich eingebettet mit Blick auf den Schwendisee. Von hier aus führt der Klangweg entlang des Seeufers und parallel dem Gipfelsaum. 
Das Klanghaus ist eine parabolische, räumliche Skulptur. Ihre zeichenhafte Architektursprache steht nicht zwangsläufig in der typologischen Tradition eines Pavillons, sondern ist eine zwischen Innen- und Außenraum aufgespannte Membran. Sie fängt die Klänge der Landschaft ein, trägt sie durch ihre Innenräume und in das Tal hinaus. Drei Parabeln werden um eine Mittelachse zueinander verdreht. Sie formen konkave Außenräume um einen zentralen Innenraum und drei sich dazwischen aufspannende Musikräume, die entsprechend ihrer Bezüge zur Landschaft Musikraum Schwendisee, Schafberg und Iltios heißen. Auch diese Räume verhalten sich gen ihrer Hülle konkav, sodass sich im Außenraum nicht drei, sondern insgesamt sechs dieser parabolisch gerahmten Räume, als Außenbühnen, Terrasse und Parvis, ausbilden. Entlang des Linienspiels zwischen konvex und konkav scheinen die Architekt_innen den Innen- und Außenräumen symmetrische Bedeutungshoheit zu verleihen. Dazwischen schwingt die hölzerne Membran.
Der zentrale Innenraum lässt sich durch die Musikräume zu verschiedenen räumlichen und programmatischen Situativen komponieren. Durch das Aufschwingen der raumbildenden Wände erschließen sich Licht- und Klangachsen durch das Haus hindurch. Die Wände sind ausgebildet als Resonanzkörper, in Anlehnung an die Akustik des von Marcel Meili in seinen Thesen referenzierten Musikraums des Ali-Qapu-Palasts in Isfahan. Sie prägen den Ausdruck des architektonischen Innenraums, als gestalterisches und klanglich lebendiges Ornament. 
Die Holzkonstruktion des Hauses wird von Holzschindeln ummantelt. Traditionell führen diese anfallendes Wasser entlang der Fassade des Toggenburger Hauses, über ein Meer aus Schuppen und Gesimsen, die über den Fenstern geschwungen sitzen. Die Schuppen schmiegen sich der Linienführung des Hauses an und schließen dieses nach außen als Membran. Sie avancieren visuell zu Tönen und auf der Fassade scheinen Klangmuster zu entstehen. Auch das die Figur nach oben hin abschließende, weit auskragende Dach ist in seiner Untersicht von Schindeln umhüllt. Das Kranzgesims folgt annäherungsweise der gekrümmten Linie der Fassade in einem freien Spiel seiner auskragenden Tiefe und Höhe gegenüber dem Terrain. Das Haus ist durch Linien gezeichnet, und die Handschrift des Autors Marcel Meilis gelangt durch die Architekt_innen Astrid Staufer & Thomas Hasler zu ihrer baulichen Realisation.
Das in vielerlei Hinsicht ambitionierte Projekt Klanghaus Toggenburg gibt der, in der Buchpublikation Resonanzen:Klanghaus Toggenburg, rhetorisch gestellten Frage Astrid Staufers Antwort: „Ist es ein Pavillon?“ Es ist ein kultureller Initialträger, ein Pionierprojekt des Rechnungstragens und der Revitalisierung der Musiktradition des Toggenburgs, das gemeinsam mit Peter Roth, Marcel Meili und den Architekt_innen Hasler & Staufer zum Klingen gebracht worden ist. Es ist ein forschendes Experiment und ein räumliches Instrument, das sowohl im Innen- als auch im Außenraum die Klänge des Toggenburgs und die seiner Gastspieler_innen einfängt, miteinander in Beziehung setzt und sie in neuen klanglichen Kompositionen in das Gehör und in die Landschaft trägt.