Reading Rämistrasse #170 / Klara Lidén in der Kunsthalle Zürich




Institutions:
Kunsthalle Zürich, Reading Rämistrass



Ich betrete den Ausstellungsraum von seiner Querseite. Längs stehen mir drei räumliche Skulpturen entgegen. Multiplikationen ihrer selbst, in paralleler Anordnung zueinander, Gang, Gang, Gang, 2025. Sie sind Elemente einer unendlich in die Länge zu denkenden räumlichen Struktur, konstruiert durch Stahlrahmen, gefüllt durch Baustellenpaneele: Baustellenfussgänger_innenpassagen. 

Dreimal vier Körper aneinandergereiht machen dreimal fünf Rahmen mit insgesamt 12 Füllflächen, also 24 Seiten. Naturgegeben sind die der Passage abgewandten Seiten der Witterung ausgeliefert. Diese Seiten glänzen in gräulichem Schleier. Die Flächen der Passage zugewandten Seiten sind hingegen intakt. Sie wurden als öffentliche Leinwände reklamiert und bieten sich zu kollektivistischem Beschmieren an. Sie sind überzeichnet von in schnellen Schriftzügen aufgetragenem zivilen Ungehorsam.

„Riot!“

Die in der von Fanny Hauser kuratierten Soloausstellung von Klara Lidén, Over out und above, ausgestellten Passagen sind dem institutionalisierten städtischen Raum entlehnt. Klara Lidén transferiert sie in den Ausstellungsraum der Kunsthalle Zürich und schreibt ihr Prinzip des Détournement fort. Die Spuren von Graffiti an den Aussenseiten der Passage sind gross und flächig, fast bis an die Ränder der Leinwände. Klara Lidén übermalt sie stellenweise mit monochromen, silbriggrauen Farbflächen. Sie erinnern an ihre Postergemälde, Untitled (Poster Painting), 2010. Diese sind Stapel von Plakaten, die sie den Werbeinfrastrukturen der Stadt abgezogen und aneinandergeklebt hat. Bis fast an den Rand bemalt sie sie mit weiss pigmentierter Farbe. Sie löscht die Inhalte der Werbeindustrie aus und rahmt deren farbliche Ränder. Klara Lidén macht sich der Werbeindustrie Gegnerin, wenn es um den Bezug eines kollektivistischen Guts geht, wie hier um den öffentlich städtischen Raum. Sie erklärt sie zu ihrem Bereich künstlerischer Autonomie, genauso wie die Passagen und die von Stickern und Schmierereien versehenen Schaltkästen. Auch diese taucht sie in ihr silbriggraues Farbregiment und gibt durch das Abziehen eines Aufklebers ein Ansichtsfenster in den sich dahinter verbergenden, flimmernden Lichtraum frei.

In dem geometrisch stark gegliederten Ausstellungsraum wirken die Passagen mit ihren 12 nach aussen gewandten Seiten wie plastische Skulpturen. Und wenn ich ihrem Schlund in Angesicht gegenüberstehe, ihrer Zunge, die sie mir ausladend entgegen strecken, dann sind sie in ihrer Zweckmässigkeit gestenstark. Ich folge ihrer Einladung sie zu betreten reserviert, ob ihrer Anwesenheit als Skulptur in diesem institutionell regulierten Ausstellungsraum. Ich sehe mich einem Dilemma doppelter Konditionierung konfrontiert und wage mich letztlich hinein.


Blende

Das Schalten der Diablenden lässt den entkoppelten Ausstellungsraum asymmetrisch ausser Takt geraten. Der Raum ist unerwartet poetisch. Er ist von Nostalgie angesichts der aus der Zeit gefallenen Diaprojektoren und des grobkörnigen Bildmaterials. Das Bildmaterial zeigt Videostills, die in ihrer technischen Verfremdung Bleistiftzeichnungen mutmassen lassen. Die minutiösen Zeichnungen sind beharrlich und intim, wie ein Pointillismus, aber von Agnes Martin. Ich weiss, dass sie auf Acetatpapier übertragene Drucke sind, handwerklich gefertigt und zugeschnitten auf das Format eines Diarahmens.

Gezeigt werden fünf grossformatige Projektionen. Sie sind Selbstporträts und in anonymen, kahlen Interieurs entstanden oder im Zusammenhang mit der Ausstellung im Stadtraum Zürichs. In einer dieser Performances rollt Klara Lidén einen dem Strassenbelag entnommenen Betonkern, der an den Wänden der Kunsthalle ausgestellt wird und der umgekehrten Logik nach Untitled (Holes), 2025, heisst.

Die Performances im Interieur werden ausgestattet durch Objekte, die Klara Lidén aus dem Stadtraum hereinholt. Dieses Hereinholen ist brachial. Zu sehen ist darin sie, schwingend auf einer Diskokugel – Persona einer Abrissbirne – und das in ihrem Werk wiederkehrende Fahrrad. In ihrer Videoperformance Bodies of Society, 2006, vollzieht sie die Zerstörung ihres Fahrrads mit einem Stahlrohr. Die Szene erinnert an Pipilotti Rists Einschlagen der Autoscheibe. Klara Lidén allerdings richtet Zerstörung gegen ihr eigenes Eigentum und ist dabei wesentlich versiert und destruktiv. Sie filmt sich in einem ähnlichen Setting, wie an die Wände der Kunsthalle projiziert. Darin allerdings ist der banale Akt des Fahrradpumpens zu sehen, der so gemächlich ist, dass Bewegung fast unkenntlich scheint. Die Szene verliert ihr Motiv ob der Langsamkeit ihrer Projektion und die Figur versinkt in tausend Punkten auf ihrem Grund. 

Klara Lidén mahnt den institutionalisierten und strukturierten städtischen Raum an, der sich der Handlungsfähigkeit unserer Körper ermächtigt hat. Emblematisch dafür ist das Leiten und Blockieren von Bewegungsströmen. In Ihrer Videoperformance Grounding, 2018, steuert Klara Lidéns Körper sie energisch durch die Strassen von Lower Manhattan. Er stürzt und steht wieder auf, als sei er sensible Masse und entkoppelt von der Konditionierung seiner Trägerin. Passant_innen werden zu anteillosen Statist_innen dieser Szenerie. Klara Lidén passiert Baustellenfussgänger_innenpassagen. Ihr Körper windet sich durch diese hindurch und bricht dabei mit ihrer Logik als Sicherheits- und Steuerungsinstrument.


For Klara Lidén
Pipilotti Rist

If you let me be your bread I smell like cardamom
if you let me fall I’ll be your ocean ground
if you let me shine I will be your sweet-tempered beam
if you let me grow my arms entwine around our heebie-jeebies
if you let me spread my legs I am your water groove
if you let me be a phone I’ll soothe your hurt friend’s ear
if you let me explode I’ll be your most irregular star dust
if you let me glow I laugh at all the guys (who didn’t share their electronic
knowledge,
now we solve all the problems ourselves anyway anyhow anytime)