Studio Romano Tiedje / Mehrfamilienhaus Sittertalstrasse 18, St. Gallen 








architektur.aktuell 08/2025




Durch eine der siebzehn St. Gallen erschließenden Brücken hindurch, windet sich eine Straße den Hang hinab. Entlang dieser Straße steht längs seiner Fassade das 2024 fertiggestellte Mehrfamilienhaus Sittertalstrasse 18, von STUDIO ROMANO TIEDJE. Dahinter säumt sich dicht der Waldrand. Von oben herab blickend ist unten im Tal das Gelände einer ehemaligen Textilfärberei, heute die Metallgießerei St. Gallen und die Kulturstiftung Sitterwerk zu sehen. Die Gießerei genießt einen Bekanntheitsgrad über die Schweiz hinaus und wird international von Künstler_innen beauftragt. Indem ihr angebundenen Atelierhaus werden Künstler_innen dazu eingeladen, im Rahmen einer Residency auf dem Gelände zu leben und zu arbeiten. Auch die beiden Architekt_innen und Inhaber_innen des Büros STUDIO ROMANO TIEDJE, Lisa und Luca, haben einen Arbeitsplatz im Sitterwerk bezogen und wohnen vor Ort. Sie haben sich gewisser Weise selbst eine Residency eingerichtet und adaptieren ein Arbeitsmodell, bei dem Kunst- und Architekturschaffende räumlich in den Entstehungsprozess ihres Werkes eingebunden sind.
Lisa und Luca wurden von der gemeinnützigen Stiftung hausen+wohnen, St. Gallen, beauftragt, das in der Hand der Stadt liegende, ortsbildgeschütze, ehemalige Arbeiter_innenhaus durch einen Ersatzneubau zu beleben. Dieser soll dem Programm der Stiftung entsprechen, das kostengünstiges Wohnen fördert. Es stellt sich die Frage, wie können die Investitionskosten der Stiftung diesem Programm Rechnung tragen? Kann ein Haus, das ästhetisch und gestalterisch anspruchsvoll ist, ein günstiges sein? Die Rechnung ist bei den beiden Architekt_innen anzusetzen und ihrer Hingabe zum prozessbegleitenden Planen und Bauen. Eingeleitet wird dieser Prozess durch einen Workshop, der die Bewohner_innen, die gleichzeitig ehemalige wie zukünftige sind, zur Partizipation einlädt und aus dessen Ergebnis sich das später im Grundriss verbaulichte Raumprogramm schlussfolgern lässt.
Lisa und Lucas Biografien sind beide von einer besonderen Affinität zur Kunst und Kunstproduktion geprägt. Ihnen ist daher die Parallelität zwischen Entwurf und Ausführung, in der sich das Ergebnis noch im Entstehungsprozess weiter denken und gestalten lässt, gemein. Die beiden Architektinnen, die am liebsten im Modell oder 1:1 entwerfen, arbeiten eng mit den im Planungsprozess beteiligten Unternehmen zusammen. Sie begegnen deren Ausführungsqualitäten aufgeschlossen und beteiligen sich in demjenigen Moment, indem künstlerische Konzeption und handwerkliche Fertigung in Einklang gelangen. 
Am Ende sind es die Architekt_innen, die der Frage nach günstigem Wohnen Antwort geben. Sie ertüfteln individuelle Lösungen und berechnen vergleichsweise, um zu prüfen, worin Ersparnis gelingen oder Kosten umgelenkt werden können. Innenputz wird eingespart, das Mauerwerk gestrichen, und dafür ein Balkon adaptiert. Die Stärke der Decken durch eine mittig den Innenraum gliedernde Stütze minimiert, zu Gunsten der davon profitierenden Raumhöhe und Wohnqualität.

Das Haus ist eine plastische Volumetrie, die sich vor allem durch ihre Öffnungen und den Tiefen dieser definiert und einem dünnen, sich biegsam der doppelten Krümmung eines diagonalen Firsts anschmiegenden Dachs. Die Fensterläden schließen plan die Fassade. Der Putz mit seinem steinernen Zuschlag hilft der Plastizität des Volumens, das durch einen farblich fein nuancierten Sockel in der Fläche unterschieden ist. 
Die durch Fluchten entstehenden Durchsichten transportieren das Farbspektrum des Laub- und Nadelgrüns über Reflexionen an Boden, Wand und Decke in den Innenraum des Hauses. Und plötzlich stehe ich in einem Spannungsfeld zwischen vier sich diagonal gegenüber positionierenden Räumen. Und sinngemäß in deren Zwischenraum. Gegliedert werden diese Räume durch Ziegelmauerwerk und ergänzend durch erdbebenertüchtigende Betonwände.
Eine besondere Qualität der Architekt_innen sind Metallarbeiten. So entwerfen sie ein bewegliches Küchenelement, ein filigran figürliches Treppengeländer und einzelne Objekte, wie die tropfenförmige Lampe im Deckenbereich des Stiegenhaus. Dies bedingt sich nicht etwa durch die Nähe zu den Metallwerkstätten der Giesserei, sondern einzig durch ein ambitioniertes Interesse an individueller Fertigung, abseits der Standardproduktpalette. Alles, was außerhalb des Volumens liegt, ist roh und metallen und der Fassade angehängt:  die Bank, die Leuchten, die Briefkästen und der Balkon.

Lisa und Luca leben ein Wohn- und Arbeitsmodell, das an Künstler_innen Enklaven denken lässt. Die Architektur des Mehrfamilienhaus entsteht durch Prozesse, die der Kunstproduktion eigentümlich sind, auch wenn Zeitspannen und Planungsaufwand wesentlich verschieden sind. So sind es auch Material- und Investitionskosten. Es ist also ein selbsterstandenes Privileg, das sich die beiden Architekt_innen Luca und Lisa eingerichtet haben und das sich einzig aus ihrem besonderen Engagement entlang des Planungsprozesses und gegenüber kostengünstigem Wohnen ergibt. Die beiden Architekt_innen haben nicht bloß ein Haus gebaut, sondern sich einen kunst- und architekturschaffenden Rahmen, der in seiner Besonderheit seinesgleichen sucht.