architektur.aktuell 09/2024
Eine ehemalige Toggenburger Scheune, vormals dienlich als Stellwerk für Pferd samt Fuhrwerk, und ein Walliser Stall, heute ein Feriendomizil, firmieren unter den Projekttiteln 008 Scheune und 039 Reckingen bei Studio Noun. Studio Noun sind die beiden Architekten Hendrik Steinigerer und Philipp Schaefle und deren in Zürich ansässiges Team. Über die gemeinsame Arbeit an verschiedenen Architekturprojekten im Toggenburger Land, speziell dem Bergrestaurant und Lifthütte Chäserrügg des Basler Büros Herzog de Meuron, lernen die beiden Architekten einander kennen und beschließen ihre Erfahrungshorizonte in einer gemeinsamen Büroarbeit zu bündeln.
Toggenburg ist ein Tal, das sich entlang des Flusslaufs der Thur, durch den Schweizer Kanton St. Gallen windet. Zwischen Bodensee und Walensee gelegen, säumen in Toggenburg zur Viehzucht kultivierte Wiesen die ersten felsigen Emporkömmlinge der Alpenregion, die Churfirsten. Toggenburg zeichnet sich durch einen für dessen Region besonderen Stil aus und unterscheidet sich insbesondere durch eine zersiedelte Dorfstruktur von anderen Tälern der Schweiz. Am oberen Rand eines liebevoll als Hürnli bezeichneten Hanggrundstücks, thront ein urtypisches Toggenburger Wohnhaus im neuen Heimatstil. Am unteren Rand steht eine Scheune. Bis vor nicht allzu langer Zeit hat hier die Hausbesitzerin ihre Pferde und Fuhrwerk untergebracht. Nach Übernahme durch die neuen Besitzer_innen konnte die Scheune durch das Engagement von Studio Noun, in kollaborativer Auseinandersetzung mit der Bauherr_innenschaft reaktiviert und zu einem Erholungs- und Rückzugsraum gestaltet werden. Als gebürtiger Nesslauer soll die Hütte dem Bauherrn als ein Refugium zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Wurzelwerk dienen,– einen Erholungswert den bloß Heimat verspricht. Durch ihre Zusammenarbeit machen die Architekten verschiedene diskursive Themen der Nachhaltigkeit auf, wovon Reaktivierung von Leerstand lediglich ein Teilaspekt ist. Hendrik und Philipps Architekturen sprechen über typologische Nachhaltigkeit, über programmatische, ästhetische und ressourcenschonende Nachhaltigkeit. Über einen nachhaltigen kulturhistorischen Horizont und über die Soziologie die diesem implizit ist.
Anders als der gebürtige Nesslauer Bub, so wie der Bauherr im Projektbeschrieb heißt, sind die beiden Architekten Wahl-Heimatnehmer des Toggenburgs. Ihre architektonischen Arbeiten zeugen von intensiver Auseinandersetzung mit der Kulturhistorie der Region und zeigen sich behutsam gegenüber dem Bestand. Was anderswo, angetrieben durch ein überregionales Interesse an Wertschöpfung dieser entlegenen Täler, als Potemkinsche Kulisse in architektonische Erscheinung tritt, ist hier ein verhandlungsversierter Kompromiss zwischen gesellschaftlichen Umbrüchen und kulturellem Erhalt. Denn die durch demographischen und ökonomischen Wandel ihrer Nutzung obsolet gewordenen Landwirtschaftsbauten drohen dem Verfall oder verlangen nach Reaktivierung durch ein neues Programm. Dass dieses Programm häufig Zweitwohnsitz heißt, mag augenscheinlich ein Widerspruch zur kultursoziologischen Nachhaltigkeit eines Dorfes sein, doch ist es der Nesslauer Bub selbst, der aus Verbundenheit zur Scheune beschließt aus ihr ein Studio zu gestalten,– einen Ort, der ihn seine Verwurzelung spüren lässt, aber auch zuversichtlich Einzug in die Gegenwart hält. Ein Balanceakt aus Erhalt und Erneuerung, der Nostalgie nicht anheim fällt, sondern Baugeschichte weiter schreibt.
Von Aktivierung sprechen die Architekten nicht bloß in programmatischem Zusammenhang, sondern aktivieren die architektonischen Eingriffe die Tektonik des Gebäudes zu neuer Stabilität. Pfosten und Pfeiler, der vornehmlich gesteckten zimmermanischen Verbindungen, werden mittels eines komplexen Planungsprozesses von außen der Altstruktur eingefädelt. Es entsteht ein kompakter Studioraum der den Stall und dessen Logik respektiert und diesen in Symbiose zu neuer Geltung führt. Es zieht ein Haus in ein Haus ein beziehungsweise das Studio in die ehemalige Scheune,– ein Beispiel für typologische Nachhaltigkeit par excellence.
Das Haus zeigt seine Spuren und seine Geschichte. Wie es einmal war und was es heute sein will. Es zeigt, dass sich hier einst noch die Kühe an der Kalkgespritzten Wand gerieben haben, wo heute gewohnt wird. Studio Noun wahren Ehrlichkeit darüber und tauschen lediglich die Teile aus, die in maroderem Zustand sind und danach verlangen ersetzt zu werden. Das Einraumstudio gestalten sie in abstrakten Details und stellen dabei Bezug zur Geschichte der Scheune her,– so ist der kalkverputzte Innenraum eine tradierte Referenz an die alkalische Auskleidung des Kuhstalls. Sie verschieben und verlegen Dielen und zimmern sie zu Wänden, die die gebrauchstypischen Spuren eines Bodenbelags weiter zeigen. Auch findet der Ziegelboden, einer dem Abriss gewidmeten Scheune der Nachbarschaft, Einzug in das neue Gebäude. Der Maurer verlegt sie in Kassettenform zusammen mit Studio Noun, deren Interesse insbesondere auch der Reaktivierung des Handwerks und diskursiver Partizipationsprozesse gilt, die lange Traditionen im ländlichen Raum haben.
Hendrik und Philip plädieren für eine Kompromissbereitschaft die sich vor allem durch einen offenen Dialog auszeichnet und so Brücken schlägt. Sich mit konkreten Faktoren unserer gelebten Umwelt auseinanderzusetzen ist zentral für die Arbeit von Studio Noun und in ihrem Slogan pointiert: sustainable strategies for human centered architecture. Ausgang und Zielpunkt ist der Mensch. Architektur verspricht genau dann ein Instrument von Nachhaltigkeit zu sein, wenn sich Mensch und Architektur symbiotisch vereinen. Deswegen entwerfen Studien Noun entlang der Grundbedürfnisse des Menschen, die heute und auch morgen noch gültig sind.
Anders als die tälerne Region des Toggenburg zeichnet sich die Region rund um Reckingen, Teil der Walliser Gemeinde Goms, durch eine besonders hohe Dichte aus. Entlang einer intakten Stadelgasse von einmaliger Geschlossenheit reihen sich die Wohn- und Wirtschaftshäuser in Blockbauweise. Eines davon ist der Stall, den Studio Noun durch ein neues Nutzungsszenario – Ferienwohnen – aktivieren. Ein Interesse an Erhalt ist hier gesichert durch den Anspruch an Ensembleschutz. Das Programm Zeitwohnsitz ist dabei kein Kriterium. Dahingegen ist der sensible Umgang mit dem Altbestand von besonderer Relevanz. Die Architekten implementieren auch hier einen Wohnraum, dessen Außenhaut sich dicht an die Wände des Altbestands schmiegt und im Verbund dämmende und tragende Eigenschaften übernimmt. Auch dieses Werk zeichnet sich durch ein besonderes Detailreichtum aus, das sich an den handwerklichen Fertigungstechniken orientiert, diese referenziert und neu interpretiert. Auch hier werden lediglich marode Teile ersetzt und stellenweise ausgebessert. Auch hier werden Gebäudeteile umstrukturiert und zu neuen Zwecken eingesetzt. Auch hier ist der Mensch in seiner komplexen Bedürfniswelt zentral für den Entwurf von Studio Noun, die diese in engem Dialog mit den Bauherr_innen entwerfen.
Scheune und Stall erzählen die Geschichte eines Hauses, eine Dorfes und seiner Bewohner_innen, Handwerke und Traditionen. Ihnen wohnt ein Wesen ein. Und wenn von diesem Wesen ausgegangen wird, erklärt sich in Toggenburg und Reckingen ganz explizit, warum Scheune und Stall von Verfall und Abriss verschont werden sollen. Dann sprechen wir von Nachhaltigkeit, da das Haus nachhaltig in seinem Wesen, in seiner Eigenart erhalten bleibt und als Lebenswelt seiner Bewohner_innen ein neues Kapitel aufschlägt. Studio Noun, die Scheune und der Stall zeigen, Architektur und das Wissen über Erhalt sind ein globales Verständnis, das in sensiblen Gestus Geschichte weiter schreibt.